Pfingsten: „Komm' Heiliger Geist -

die faszinierende Neuheit des Heiligen Geistes“, in: Diakonia 36 (2005) 92-98

Der Heilige Geist ist lebenspendendes Leben, 
Beweger des Alls und Wurzel allen geschaffenen Seins, 
er reinigt das All von Unlauterkeit, 
er tilget die Schuld und er salbet die Wunden, 
so ist er leuchtendes Leben, würdig des Lobes, 
auferweckend und wiedererweckend das All. 
Hildegard von Bingen, Antiphon  

1. „... in den roten Faden unserer Geschichten hineinfinden...“ 
Das was Sprechen macht, ist wohl das, worüber Sprechen am schwierigsten ist. Hildegard von Bingen ist eine von denen, die in ein solches Sprechen hineingewachsen ist, eine poetische, kreative, vom Geist bewegte Sprache – „theologia“, Rede von Gott aus der Kraft des Geistes. Dieser Geist, der Sprechen macht, er ist das, wovon am Anfang der Schrift die Rede ist, im großen poetischen Schöpfungsbericht: „Die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.“ (Gen 1,2) Es ist dieser Geist, die Lebenskraft, die werden lässt, er ist das Leben, das selbst lebenspendend ist, er ist der, der immer neu Zukunft eröffnet. Wenn Israel auch am Boden liegt, so wächst doch aus dem Baumstumpf Isais neues Leben, genau hier, in diesem Stumpf, lässt sich der Geist nieder, „der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht“, Leben wird, „ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht“ (Jes 11,1-2). Und auch am Ende der Schrift ist vom Geist die Rede: „Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens.“ (Offb 22,17) Der Geist weist hin auf das Leben, am Anfang, am Ende, auf das je neu aufbrechende, das lebenspendende Leben, er ist selbst, so Hildegard, das „Leben des Lebens aller Geschöpfe“.  
Und doch, so ganz zu greifen ist dieser Geist nicht, der Heilige Geist, der Geist Gottes. Neben den Gottesmännern und –frauen, den Propheten und Prophetinnen, sind immer auch die „falschen“ Propheten aufgetreten, die sich nur angeblich auf Gottes Geist berufen, und auch Jesus selbst, der vom Geist Gottes in sein Leben begleitet wird, auf den der Geist bei der Taufe herabkommt (Lk 3,22), wird von diesem Geist in die Wüste geführt, die Zeit der Versuchung (Lk 4,1-2), die Zeit, die Geister zu unterscheiden. Paulus, der so viele christliche Gemeinden hat entstehen sehen, der sie besucht, begleitet, beraten hat, hat immer wieder neu zu einer solchen Unterscheidung der Geister gerufen und daran erinnert, was die Früchte des Wirkens des Geistes Gottes sind, die Gaben, in denen Gottes Geist sich bemerkbar macht. (z.B. Gal 5,22-23; vgl. Mt 7,15-20) 
Der Geist Gottes, die göttliche „ruah“, ist vielleicht das am wenigsten Faßbare, er weht, wo er will, nicht wie wir wollen (Joh 3,8). Die „ruah“ blitzt auf, hier und da, unverhofft, im großen Rauschen, den Wassern der Urflut, dem kraftvollen Tönen, wenn die Mauern Jerichos fallen, aber auch dem leisen Säuseln (1 Kö 19,12), dem fast unhörbaren Ton, der Melodie in der Tiefe oder der Höhe, die Neues, die Anderes in unsere Welt holt. Aber gerade dieses chaotisch Lebendige, das nicht Einholbare, das Unverfügbare, das nicht in Konventionen packbar ist, ist die Spur, die einen roten Faden werden läßt, die Leben werden läßt und Zukunft schafft. In der Kraft des Geistes haben die ersten Zeugen und Zeuginnen der Heilsereignisse, die in Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi geschehen sind, die Lebensspur entdecken können, die durch die Nacht des Todes hindurch aufgeschienen ist. Sie haben bezeugt, daß Jesus, der von Gott auferweckt worden ist, der durch die rechte Hand Gottes erhöht worden ist und vom Vater den verheißenen Geist empfangen hat, diesen „ausgegossen hat“ (vgl. Apg 2,33), als sein Lebensgeschenk und Vermächtnis für alle seine Jüngerinnen und Jünger: „Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird“ (Apg 1,8: vgl. auch die Abschiedsreden Jesu, z.B. Joh 15,26). Der Geist kommt auf alle herab, so lesen wir in Joel 3,1-2, auf den sich Apg 2,17-21 bezieht, auf Söhne und Töchter, auf Greise und junge Männer, auf Knechte und Mägde. In dieser Kraft des Geistes spüren wir die Treue Gottes, den roten Faden, der unsere Geschichte mit der Gottesgeschichte in aller Vielfalt der Lebens- und Begegnungsgeschichten verwebt. Der Geist, die „ruah“, ist die Sehnsucht in der Tiefe, die uns Menschen nach dem ausstrecken läßt, das gött¬lich, das hei¬lig ist, die uns je neu darin erinnert, daß wir Kinder Gottes sind (Röm 8,14), nach Gottes Bild geschaffen (Gen 1,27), die Kraft, die uns Mensch sein läßt, die uns glauben läßt, die uns alle „in Gnaden zu dir sammelt“, die uns leitet hin auf den richtigen Weg: „Feuer du und Tröster-Geist“, so Hildegard von Bingen.  
Unsere Gegenwart ist eine „Zeit des Geistes“, auch in aller Angefochtenheit, die Debatten um den Status des Bewußtseins füllen die Feuilletons, ist Geist auf Natur reduzierbar? Psychologien verschiedenster Schattierungen blühen, allerorten werden Zentren für „Spiritualität“ eröffnet; es sind nicht Zeiten, in denen Religionen und Kirchen mit großen dogmatischen Vorgaben Aufwind haben, vielmehr ist es das Windige, das sich Verflüchtigende, das anziehend ist, das doch eine Alternative zu jedem kurzgreifenden Materialismus darstellt. Auch an die Türen der christlichen Kirchen rüttelt dieser Geist, in der Tiefe der Fundamente macht er sich bemerkbar, der doch gerade diese Fundamente gelegt hat. Die christliche Gemeinde verstand sich von Anfang an als Geistbegabte (z.B. Gal 5,25), sie ist Werk des Geistes, gerade daran hat Yves-Marie Congar in seiner scharfen Kritik an der „Geistvergessenheit“ der Kirche und dem „Christomonismus“ neuscho-lastischer Ekklesiologien erinnert.  Der Geist ist die Kraft Gottes, die je neu befreit, er ist der „immerwährende Unruhestifter für Kirche und Gesellschaft“, der „Garant einer emanzipatorischen Praxis der Nachfolge“, so Silvia Schroer.  So erinnert er, gerade dann, wenn die Fundamente beben, wenn an die Türen gerüttelt wird, an die Lebenskraft des Ursprungs, an den Weg vom Kreuz hinein in ein neues Leben, an das Pfingsten, das Raum macht für ein Leben aus dem Geist in aller Vielfalt der Geschichten. Wenn die Kirche aus dieser Verheißung lebt, welche Verpflichtung erwächst daraus für sie? An dem roten Lebensfaden ihrer Geschichte weiter zu weben, ist dies nicht nur in der Bitte um das Kommen des Geistes möglich, der gerade darin erinnert, daß Gott ein Gott des Lebens ist, ein Leben, das immer neu anklopft, das oft wie ein Räuber in der Nacht (Lk 12,39) unverhofft vor unserer Türe steht? „Komm´, Heiliger Geist...“

2. Der Geist – „Herr und Lebensspender“ 
Die ersten nachchristlichen Jahrhunderte waren zutiefst vom Geist Gottes bewegte Zeiten, Paulus und mit und nach ihm die vielen Missionarinnen und Missionare haben den christlichen Glauben in die weite Ökumene des römischen Reiches getragen, über die Grenzen des Glaubens Israels hinaus in die Welt des Hellenismus. Gerade dieser Prozeß der Inkulturation des biblischen Glaubens in eine von ausgebildeten Philosophien und Weisheitslehren geprägte Welt ist nicht ohne das Wirken des Geistes Gottes zu verstehen. Es stellte sich die Notwendigkeit der Ausbildung einer Theologie, einer christlichen Weisheitslehre, die in den großen intellektuellen Zentren wie Athen und Konstantinopel von dem Glauben an den Gott, der sich als Heil und Leben in den Ereignissen von Leben, Tod und Auferstehung Jesu erwiesen hat, Rechenschaft geben konnte. Dieser Prozeß findet seine Höhepunkte auf den ersten großen ökumenischen Konzilien, in Nizäa (325), Konstantinopel (381) und Chalcedon (451). Wie vielleicht in kaum einer Zeit danach ist in diesen Jahren um das Glaubensverständnis, um den Gottesbegriff gerungen worden, und dies nicht nur in den hohen Schulen der Theologie, sondern bis hinein in die Gemeinden und Ordensgemeinschaften. Das große Ereignis ist die theologische und dogmatische Klärung des Gottesbegriffs auf den Konzilien von Nizäa und Konstantinopel. Der Glaube an den Gott, der Leben, der Liebe ist, an den Gott, der die Gemeinschaft von Vater, Sohn und Geist ist, wird gerade angesichts der Begegnung mit platonisch-neuplatonischen philosophischen Gotteslehren begrifflich geklärt. Der Sohn, der Logos, ist, so das Konzil von Nizäa (DH 125-126), nicht ein Gott untergeordneter Schöpfungsmittler, nicht ein – sicher über die anderen weit hinausragendes – Geschöpf (so die verurteilte Position des Arius), sondern er ist dem Vater gleichwesentlich („homoousios“). Damit wird eine Differenzierung in den philosophischen Gottesbegriff hineingetragen, die einer „Revolution“ im Gottesverständnis gleichkommt. Das erste ökumenische Konzil von Konstantinopel (DH 150) führt diesen Gedanken weiter, indem gegen die Leugnung der Göttlichkeit des Geistes durch die „Pneumatomachen“ (der sog. Makedonianismus) der Geist als „Herr und Lebenspender“ bekannt wird, der „aus dem Vater (und dem Sohne) hervorgeht“ und der „mit dem Vater und dem Sohn zugleich angebetet und verherrlicht wird“. 
Die Entscheidung in Konstantinopel ist nicht bloßes Anhängsel an das Konzil von Nizäa, sondern bedeutender Abschluss eines Ringens um das christliche Gottesverständnis; für alle weiteren theologischen Entfaltungen ist das Konzil der entscheidende Referenzpunkt im Blick auf das trinitarische Gottesverständnis. Gott ist die Lebens- und Liebesgemeinschaft der drei, Einheit und Differenz, Gemeinschaft in der Verschiedenheit, Leben, das in der Vielfalt doch eines ist und in der Liebe des Vaters zum Sohne, deren Ausdruck der Geist ist, gerade in diesem Ausdruck, dieser Gabe, Welt und Mensch in diese Liebe hineinholt. Der Geist, als Ausdruck dieser Liebe, als Gabe, er ist diese lebenspendende Kraft, er, der, wie auf den Unionskonzilien von Lyon (1274) und Florenz (1439-45) geklärt wurde, „von Ewigkeit her aus dem Vater und dem Sohne, nicht als aus zwei Prinzipien, sondern als aus einem Prinzip, nicht durch zwei Hauchungen, sondern durch eine einzige Hauchung hervorgeht“.  Es ist vor allem Augustinus, der den Geist als das „Band der Liebe“ versteht, der Liebe, in der Vater und Sohn sich lieben, der Liebe als Gabe von Vater und Sohn, in der Gott sich den Geschöpfen mitteilt. „Der  Heilige Geist also, von dem er uns gab, bewirkt, daß wir in Gott bleiben und daß Gott in uns bleibt. Das aber bewirkt die Liebe. Er ist also die Liebe.“  Im Heiligen Geist wird, so Johannes Paul II, „das innere Leben des dreieinigen Gottes ganz zur Gabe“, durch den Heiligen Geist „existiert“ Gott „als Geschenk“. „Der Heilige Geist ist der personale Ausdruck dieses gegenseitigen Sich-Schenkens, dieses Seins als Liebe. Er ist die Liebe als Person. Er ist Geschenk als Person.“  
Es ist der Geist, der so schwer greifbare, und doch nahe, alles durchdringende, alles belebende, der uns von Gott sprechen läßt, und so sprechen läßt, daß dieser Gott höchste Lebensdynamik und nie versiegende Liebe ist. Mit Basilius von Caesarea, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa, den großen Theologen, die das Konzil von Konstantinopel vorangetragen haben, können wir auch heute noch lernen, daß es in der Rede vom Geist Gottes um Gottes Gottsein und um das Menschsein des Menschen geht. Der Geist ist es, der uns Anteil gibt an der Größe Gottes und der uns entdecken läßt, wie diese Größe sich gerade in der Demut des Hinneigens zum Menschen zeigt, so daß Mensch und Welt hineingenommen werden in das Leben, das Gott ist. Der Geist ist die Treuezusage, daß wir alle, die ganze Schöpfung Anteil haben an der Verheißung des Lebens, das Gott ist. „Wenn der Heilige Geist aber ein Geschöpf wäre“, so Athanasius, „so würde uns durch ihn keine Gemeinschaft mit Gott zuteil.“  
Die Rede vom Geist ist, und das hat das Konzil von Konstantinopel klar gemacht, niemals eine begrifflich abstrakte, der Geist ist, in aller Flüchtigkeit, aller Dynamik, aller Unverhofftheit, immer konkret, er ist der Herr und Lebenspender, der mit dem Vater (und dem Sohn, so die Entwicklung in der Westkirche) zugleich angebetet und verherrlicht wird. Die Rede vom Geist erinnert die Theologie daran, daß jedes Sprechen von Gott, will es wahres Sprechen sein, von diesem lebenschaffenden Geist und der Freiheit und Neuheit, für die er steht, durchpulst zu sein hat. Dogmatische Grenzziehung und Freiheit des Geistes, aus der Tiefe der Doxologie, des Gebetes gewonnen, gehören zusammen.

3. Weisheitliche Theologie und die faszinierende Neuheit des Heiligen Geistes 
Große Theologie ist immer eine weisheitliche Theologie gewesen, eine Theologie im Dienst der Glaubensweitergabe und Glaubensreflexion, getragen in der Tiefe von der Dynamik des Geistes des Lebens und der Wahrheit, der zur wahren „Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ befreit (Röm 8,21 ). Der Weg in die Moderne wird oft als ein Auseinanderdriften von Theologie und Mystik charakterisiert; wenn an die Schultheologie gedacht wird, ist dies sicher berechtigt, mystische Theologie und Spiritualität gehören nicht zur „klassischen“ theologischen Ausbildung, gelebten Glaubensvollzügen und Volksfrömmigkeit wurde hier keine Bedeutung beigemessen. Gerade heute, in Zeiten der Begegnung mit anderen religiösen Traditionen, die wie z.B. die östlichen Religionen, aber auch die afrikanischen und indianischen Kulturen durch eine zutiefst weisheitliche Lebenslehre geprägt sind, tut auch in den westlichen christlichen Theologien ein neuer Blick auf das weisheitliche Erbe Not. Gefragt ist immer mehr eine neue Synthese von Glaubensreflexion und Lebenslehre, gelebtem Ethos, Tugendlehre und Spiritualität, ein integraleres, dem Leben näheres, ein befreiendes Denken. Hier ist der Ort für die Erinnerung an die geistlichen Traditionen des Christentums, die Offenheit für das Wirken des Geistes in der Geschichte und seine unverbrauchbare, faszinierende Neuheit. Ohne dies ist interkulturelles und interreligiöses Arbeiten nicht vorstellbar; der heilige und heiligende Geist Gottes ist der Raum, in dem Begegnung in aller Vielfalt möglich ist, eine Vielfalt, die auf die Einheit der Menschengemeinschaft bezogen ist, und in der der Geist der Anwalt derer ist, die um Menschenwürde und Menschengerechtigkeit betrogen werden. Wenn Karl Rahner in einem seiner Interviews formuliert hat, daß für ihn die „Deifikation der Welt durch das Pneuma Gottes“ (das große Theologoumenon der östlichen Patristik, die Vergöttlichung von Mensch und Welt) „die menschlich und spekulativ fundamentalere Grundkonzeption für das Christentum ist, aus welcher sich... die Inkarnation und Soteriologie gewissermaßen als inneres Moment ergeben“ , so hat er an eine der großen theologischen Traditionen erinnert, die in der ersten großen Zeit der Inkulturation des christlichen Glaubens in die Welt des Hellenismus formuliert ist und die auch in den neuen Zeiten eines weltkirchlichen Aufbruchs und interreligiösen Arbeitens von fundamentaler Relevanz ist. Eine geistgetragene Theologie, die das Ganze im Blick hat, die Heiligung des Kosmos, die dabei jedes einzelne nicht aus dem Auge verliert und offen ist für die Dynamik der Lebensprozesse in aller Vielfalt, die selbst eingebettet ist in den gelebten Glaubenvollzug, wird beitragen zur notwendigen und notwendenden Unterscheidung der Geister in den Umbruchszeiten wie den unseren. Sie wird erinnern an die „Früchte“ der Sozialreformen und Globalisierungsprozesse, der interreligiösen und interkulturellen Begegnungen und eine prophetische, unterscheidende und befreiende Theologie sein. 
Die Erinnerung an die weisheitliche Gestalt der Theologie wird besonders in der Theologie von Frauen wachgehalten. Dabei ist bezeichnend, was Elisabeth Moltmann-Wendel im Blick auf den Geist schreibt: „Über Geist wird in der gegenwärtigen Feministischen Theologie nicht kontrovers diskutiert, Geist wird praktiziert“ – und dies zeigt sich in unterschiedlichen Lebensbereichen: der „neu eröffneten Freiheit, die Frauen die gleichen charismatischen Rechte zuerkennt, die in den Großkirchen lange nur Männern und Ämtern vorbehalten waren“, der „Erfahrung von Solidargemeinschaft, in der die Erniedrigten und Beleidigten sich als gleichgestellte Gotteskinder erleben“, der „lebendigen, dynamischen Geburtskraft, Energie, die aus Gott ins Innere des Menschen fließt und ihn ganz erfaßt, seine Sinne und seinen Verstand, und ihn neu macht (Wiedergeburt).“  In diesen Spuren wird es möglich sein, eine neue weisheitliche Theologie auszugestalten, die den vielen Charismen in der Kirche Raum gibt, die lebensnah, die begeisternd ist, die auf den Heiligen Geist vertraut, der Verletztes heilt, eine Theologie, die Lust auf das Leben macht, ein Leben, das wir fühlen und schmecken, tasten und sehen können, eine Theologie, die wächst aus der Bitte um das je neue Kommen des Geistes, der einmal ganz unsere Zukunft sein wird.

4. Der Heilige Geist und die befreite Kirche 
Petrus und mit ihm die gläubig gewordenen Juden „konnten es nicht fassen, daß auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde“, dann ordnet Petrus die Taufe des Kornelius und seines Hauses an, so schließt der Text in Apg 10,45-48 die anrührende Begegnung von Petrus und Kornelius ab. Es ist einer der Texte, die für den großen und ohne das Wirken des Geistes nicht möglichen Schritt des Judenchristentums hinein in die Ökumene des römischen Reiches und die Welt des Hellenismus stehen. Wenn dieser heilige, heilende, befreiende und immer wieder faszinierend neue Geist Gottes das Lebensprinzip der Kirche ist, dann werden wir auch Vertrauen in die Zukunft der Kirche haben, eine Kirche, die es versteht, über Grenzen hinauszugehen und die Kunst dieser Grenzüberschreitung in der Kraft des Geist je neu zu lernen. Der Geist ist der, der aus allen Bequemlichkeiten herausreißt, der scheinbare Sicherheiten entlarvt, der uns nicht „einrichten“ läßt in Selbstgenügsamkeiten. Der „Sinn“, so Michel de Certeau, „blitzt immer in der Tiefe des Risikos auf“.  In der Kraft des Geistes läßt sich die Kirche selbst je neu zum Leben befreien und kann sie zur Lebensanstifterin werden; sie gibt dann dem Geist Raum, weil sie selbst in diesem Geist Raum hat und lebendig ist. So findet sie immer wieder neu ihren eigenen roten Lebensfaden, die Kraft, die die Sehnsucht antreibt, die sprechen, die leben läßt, die Kraft, die je neu befreit. Einer der wichtigsten Dienste der Kirche in einer Welt, die von uns Menschen immer wieder neu zerstört wird, ist es gerade, die Bitte wachzuhalten um das Kommen des Geistes Gottes, in diese Welt, die sich nach Erlösung sehnt, die auf den Geist Gottes hofft, der für uns eintritt „mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“ (Röm 8,26) – „Komm, Schöpfer Geist“.

Prof.in Dr. Margit Eckholt, Vorstandsmitglied Netzwerk Diakonat der Frau

Fußnoten:
1    Hildegard von Bingen, Lieder, hg. von P. Barth/M. Immaculata Ritscher/J. Schmidt-Görg, Salzburg 21992, 229,     Nr. 15, Zum Heiligen Geist, Antiphon. 
2    Hildegard von Bingen, Lieder, 233, Nr. 19, Zum Heiligen Geist, Sequenz. 
3    Hildegard von Bingen, ebd.
4    Y. Congar, Le Concile de Vatican II. Son Eglise, peuple de Dieu et corps du Christ, Paris 1984, 163-176. Das     Stichwort „Christomonismus“ geht auf den griechischen Theologen Nikos Nissiotis (1925-1986) zurück.
5    S. Schroer, Art. Geist II. Neues Testament, in: Wörterbuch der feministischen Theologie, hg. von E. Gössmann     u.a., Gütersloh 1991, 148-149, hier: 149.
6    DH 850: 2. Sitzung des Konzils von Lyon, Konstitution über die höchste Dreifaltigkeit und den katholischen     Glauben; vgl. ebenso DH 1330-1333: Konzil von Florenz, Bulle über die Union mit den Kopten und Äthiopiern. –     Hier sollten die Differenzen zwischen Ost- und Westkirche um das „filioque“, den Her-vor¬¬gang des Geistes     aus dem Vater bzw. aus dem Vater und dem Sohn geklärt werden. Die Arbeiten zum Konzil von Konstantinopel, die     neuen pneumatologischen theologischen Ansätze und die Rezeption orthodoxer theologischer Studien haben in der     jüngeren Zeit zu einer neuen Annäherung von Ost- und Westkirche geführt. 
7    Augustinus, De Trinitate XV, 17 (31). 
8    Johannes Paul II, Dominum vivificantem, Bonn 1998, 10. „Man kann sagen, daß im Heiligen Geist das innere     Leben des dreieinigen Gottes ganz zur Gabe wird, zum Austausch gegenseitiger Liebe unter den göttlichen     Personen, und daß Gott durch den Heiligen Geist als Geschenk existiert.“ 
9    Athanasius, ep. Serap. 1,24 (zitiert nach: B. J. Hilberath, Art. Geist II und III, in: Lexikon für Theologie     und Kirche, Bd. 4, Freiburg u.a. 31995, 1308-1312, hier: 1309).

10    Vgl. auch B. J. Hilberath, Art. Geist II und III, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 4, Freiburg u.a.     31995, 1308-1312. Der Geist ist „als das Leben schaffender, die Wahrheit bezeugender, die Freiheit     begründender die Gabe der göttlichen Liebe.“ (1311) 
11     K. Rahner, Im Gespräch, Bd. 1, hg. von H.P. Imhof/H. Biallowons, München 1982, 245.
12     E.Moltmann-Wendel, Art. Geist. III Weibliche Spuren in der Theologiegeschichte, in: Wörterbuch der     feministischen     Theologie, hg. von E. Gössmann u.a., Gütersloh 1991, 149-151, hier: 150. 
13     M. de Certeau, L´Etranger ou l´union dans la différence, Paris 1991, 205.


Kurzbibliographie:
José Comblin, Der Heilige Geist, Düsseldorf 1988
Yves Congar, Esprit de l´homme – Esprit de Dieu, Paris 1983
Ders., Der Heilige Geist, Leipzig 1988 
Bernd Jochen Hilberath, Heiliger Geist – heilender Geist, Mainz 1988
Ders., Pneumatologie, Düsseldorf 1994
Elisabeth Moltmann-Wendel (Hg.), Die Weiblichkeit des Heiligen Geistes. Studien zur Feministischen Theologie, Gütersloh 1995
Jürgen Moltmann, Die Quelle des Lebens. Der Heilige Geist und die Theologie des Lebens, Gütersloh 1997
Bernhard Nitsche (Hg.), Atem des sprechenden Gottes. Einführung in die Lehre vom Heiligen Geist, Regensburg 2003 

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