Osterzeugnis
5. April 2026: Mit Maria von Magdala Zeugen und Zeuginnen des Evangeliums werden
Joh 20, 11-18: „Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel sitzen in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Wie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herrn wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte!“
Liebe Gemeinde,
ist Ihnen aufgefallen, dass wir am Beginn des Triduums, der Heiligen Drei Tage, vom Evangelisten Johannes in einen Garten hineingeführt worden sind, und uns nun, am Abschluss, wieder dort einfinden? Wir waren am Ölberg, im Garten Getsemani, in dem Jesus gebetet hat, in Furcht und Angst vor den bevorstehenden Ereignissen, einsam, weil die Jünger in der Nacht nicht ausharren konnten und eingeschlafen sind; Jesus hatte hier bereits den Verrat, die Auslieferung, die Folter und Kreuzigung vor Augen. Wir sind nach Golgota gekommen, haben Jesus am Kreuz und seinen letzten Schrei erinnert; dann sind wir Josef von Arimathäa gefolgt, der den Leichnam in einem Grab, vielleicht ein Felsengrab, vermutlich in einem Garten, bestattet hat. Und nun befinden wir uns wieder in einem Garten – und alles ist verwandelt: ist lichtvoll, voll Leben, erfüllt vom Charme neuen Lebens und neuer Liebe. Und in diesem Garten begegnet Maria von Magdala Jesus, dem Auferstanden – sie bleibt nicht dort, sie wird gesandt, die Nachricht von der Auferstehung den „Brüdern“ – wie es im Text heißt – zu verkünden.
Papst Franziskus hatte vor 10 Jahren den Gedenktag von Maria von Magdala, den 22. Juli, zum „Fest“ erhoben. Am Beginn des Dekretes vom 3. Juni 2016 heißt es: „Die erste Zeugin der Auferstehung des Herrn und die erste Evangelistin, die heilige Maria Magdalena, wurde von der Kirche im Westen und im Osten immer mit höchster Ehrfurcht geachtet, wenn sie auch auf verschiedene Weise verehrt wurde.“ Maria von Magdala wird als „Paradigma für das ministerium von Frauen in der Kirche“ vorgestellt, und es werden die Würdentitel erinnert, die sie in der Geschichte erhalten hat: „Zeugin der göttlichen Barmherzigkeit“ und „Apostelin der Apostel“. Im neugefassten Text der Präfation für dieses Fest heißt es, dass Jesus Christus Maria von Magdala „den Aposteln gegenüber mit dem Apostelamt geehrt“ habe.
Damit ist das Bild von Maria von Magdala als „Sünderin“ in den Hintergrund gerückt, das über Jahrhunderte in der westlichen Tradition der Kirche leitend war, und die wunderbare Ostergeschichte (Joh 20,11-18) wird erinnert, in der sie zur „ersten Evangelistin“ wird. Maria von Magdala eilt zum Grab, um dem geliebten Freund den letzten Dienst zu erweisen, den Leichnam mit kostbarem Öl zu salben. Auf den Portalen der gotischen Kirchen, auch am Ulmer Münster, wird sie – oft zusammen mit den klugen jungen Frauen – mit dem Salbgefäß dargestellt, und so ist sie über Jahrhunderte in den östlichen Traditionen des Christentums verehrt worden. Aber das Grab ist leer – und genau hier ereignet sich die Geschichte ihrer „Wende“ vom Tod zum Leben, aus der ihre Sendung erwächst.
Der Garten, in dem sich diese Wende zum Leben ereignet, erinnert an den Garten des Hohen Liedes, dem ältesten uns überlieferten Liebeslied in der Heiligen Schrift. Der Abschnitt, der am Fest der Maria von Magdala den Lesungstext bildet (Hld 3,1-4a), zeichnet die Liebe als „unruhige“, darin sehr lebendige Liebe. Die Liebe lebt aus der Dynamik von Suchen, Finden und Gefundenwerden, und dies wird auch in der Ostererzählung deutlich. Mit dem Ereignis von Golgota, der Kreuzigung, hat Maria den verloren, „den ihre Seele liebt“, das ist die Erfahrung eines radikalen Verlustes. Jesus, der für Maria – wie auch für die anderen Jünger – das Leben bedeutete, wird am Kreuz hingerichtet, wird zu Grabe gelegt. Mit dem in der Geschichte christlichen Glaubens vielfältig interpretierten Bild des leeren Grabes will der Evangelist das Wunder des neu durchbrechenden Lebens, das Wunder von Gottes Neu-Schöpfung, deutlich machen. Darum auch das Gartenmotiv, das an den Schöpfungsgarten erinnert und damit an das Leben, das Gott von Beginn an der Schöpfung zugesagt hat. Wie Maria in diese Erfahrung hineinwächst, macht der Johannestext an der mehrfachen „Wendung“ Marias deutlich: Sie sieht das leere Grab, sie weint, sie wendet sich, fragt einen Mann, den sie für den Gärtner hält, nach dem Leichnam. Und als Antwort hört sie ihren Namen: „Maria“ – nichts als ihren Namen, und ihre Liebe, die ja den Toten suchte, erkennt den Lebenden. Sie wendet sich, sie antwortet: „Rabbuni“, Meister. Diese Szene ist ein Meisterstück der sich erfüllenden Liebe. Die beiden – Maria und Jesus – stehen sich gegenüber, sie sprechen sich mit ihrem Namen an, und darin lebt die Liebe. So ist diese Szene ein Symbol für die Lebens- und Liebesgeschichte Gottes mit dem Menschen, aus der die Sendung erwächst. Denn Liebe lässt sich nicht „festhalten“. Jesus selbst weist Maria den Weg, wie die Liebe auch in Zukunft leben kann: Sie muss zum Wort werden, sie muss ihre Geschichte mit Gott erzählen. Der Auferstandene gibt Maria die Aufgabe, den Brüdern zu „verkünden“, dass er, Jesus, der geliebte Freund lebt. In diesem Apostolat der Maria von Magdala wird die Liebe lebendig.
Welch große Bedeutung das Apostolat der Maria aus Magdala hatte, haben die Kirchenväter erahnt, als sie Maria die „apostola apostolorum“ genannt haben. Sie wussten noch, dass ihr in der frühen Gemeinde eine bevorzugte Stellung zukam, ihr, der Erstzeugin der Auferstehung des Herrn. Wir müssen Maria von Magdala als „Apostelin“ ernst nehmen, das wird vieles ermöglichen können, gerade auch neue Räume für Dienste und Ämter von Frauen in der Kirche. Im christlichen Glaubensbekenntnis heißt es: Wir glauben an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Die Kirche ist „apostolisch“, weil sie auf dem Zeugnis der Apostel gründet, hier denken die einen sicher zunächst an Petrus, die anderen an Paulus, andere vielleicht an Andreas, die großen Apostelgestalten: Petrus, den wir mit der römisch-katholischen Kirche verbinden, der Vollmacht des Papstes in Rom, Paulus, den Missionar, der den christlichen Glauben auf seinen Missionsreisen durch das heutige Syrien, die Türkei, Griechenland, über Malta bis nach Rom gebracht hat, oder Andreas, der im Besonderen in der orthodoxen Tradition verehrt wird. Aber Maria von Magadala – und mit ihr die vielen anderen Frauen – sind vergessen worden. Wer erinnert sich an Junia, Phoebe, Lydia, Damaris oder Thekla die in den ersten christlichen Gemeinden das Evangelium verkündet und sich für Menschen am Rande, für Arme, Kranke, Fremde eingesetzt haben? Alle diese Frauen haben „ministeria“ – Ämter – in der Kirche ausgeübt, Maria von Magdala ist von Papst Franziskus als „Paradigma für das ministerium von Frauen in der Kirche“ vorgestellt worden.
Sie erinnern sich sicher noch an die Weltsynode, die von Papst Franziskus einberufen worden ist und die ihren bisherigen Höhepunkt in den beiden Vollversammlungen der Bischofssynode im Oktober 2023 und Oktober 2024 hatte; zum ersten Mal haben auch Frauen als offizielle – auch abstimmungsberechtigte – Mitglieder teilgenommen (zwar nur 55 von insgesamt 368 Teilnehmern); der synodale Prozess geht weiter, Papst Leo XIV. hat dies bestätigt, bis 2028 sollen die Ortskirchen an den Vereinbarungen des Abschlussberichtes arbeiten, dann wird es wieder eine weltweite Zusammenkunft in Rom geben. Der Bericht benennt ausdrücklich eine weitergehende Partizipation aller Getauften in der Kirche, verurteilt eindeutig Klerikalismus und Machtmissbrauch in der Kirche und kritisiert jegliche Form von Ausgrenzung, vor allem auch von Frauen; neue Wege – wie z.B. die Öffnung des Diakonats für Frauen – werden nicht ausdrücklich benannt, aber das Ringen um solche Wege wird in den Berichten der Studiengruppen deutlich, die im Zusammenhang der Weltsynode eingerichtet worden sind, für uns alle lesenswerte Texte. Die „Erstverkündigung durch Maria von Magdala“ könnte „konkrete Konsequenzen für die Partizipation von Frauen in der Kirche haben“, heißt es im Bericht von Studiengruppe 5 – sicher noch sehr vorsichtig und im Konjunktiv…
Maria von Magdala ist die „erste Evangelistin“, sie hat ein „ministerium“, ein „Amt“, ausgeübt, weil an ihr deutlich wird, dass Nachfolge und Sendung wahrhaftig sind in der Liebe und aus ihr allein erwachsen. Verkündigung des Evangeliums und tatkräftige Liebe, Christuszeugnis im Wort und in der Tat, gehören zusammen. Wenn wir auf Maria von Magdala blicken und mit ihr auf die vielen – zu oft vergessenen und ausgegrenzten – Frauen, werden uns faszinierende Geschichten der Begegnung Gottes mit uns Menschen vor Augen geführt, Geschichten voller Charme, Gnade und Lebendigkeit, die uns auch heute helfen, in Kirche und Gesellschaft glaubwürdige Zeugen und Zeuginnen des Evangeliums zu sein:
Christ und Christin zu werden bedeutet, in je neuen „Wendungen“ auf Gott, auf Jesus Christus hin diese Liebe zu entdecken, die unser Leben bewegt und lebendig macht und aus der heraus wir mit den vielen anderen – über die Grenzen unserer kirchlichen Gemeinschaft weit hinaus – um gutes Leben für die ganze Schöpfung, im Dienst von Gerechtigkeit und Frieden ringen können. Wagen wir es – und wachsen auch wir, begleitet von Maria von Magdala und allen Zeuginnen und Zeugen der Auferstehung, in unser je eigenes Zeugnis des Lebens und der Liebe Gottes hinein.
Prof. Dr. Margit Eckholt
Der Vorstand des Netzwerkes Diakonat der Frau wünscht allen frohe und gesegnete Ostern.